TL;DR

Warum europäische digitale Souveränität wichtig ist

Geopolitische Unsicherheiten und wirtschaftliche Risiken haben in den letzten Jahren verdeutlicht, wie kritisch europäische digitale Souveränität für Unternehmen geworden ist. Eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt, dass die digitale Abhängigkeit deutscher Unternehmen vom Ausland weiter wächst: 96 % der Firmen importieren digitale Technologien und Services, während nur 25 % selbst digitale Leistungen exportieren. Besonders in Schlüsselbereichen wie Halbleitern, Quantencomputing und 5G ist die Abhängigkeit von ausländischen Partnern extrem hoch.

Zugleich genießen europäische Partner deutlich mehr Vertrauen, während internationale Konflikte und politische Entwicklungen als Bedrohung gesehen werden. Die Pandemie, Lieferkettenprobleme und der Krieg in der Ukraine haben diese Sorgen weiter geschürt: Komponentenknappheit und geopolitische Umstände zeigten, dass zu große Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern wirtschaftlich schädlich sein können.

Vor diesem Hintergrund hat die EU-Spitze digitale Souveränität zur Priorität erklärt. Bereits 2020 betonte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Europa müsse seine digitale Souveränität bis 2030 sichern – unter anderem durch eine europäische Cloud-Infrastruktur, Führungsrolle bei ethischer KI und stärkere eigene digitale Kompetenzen.

Problematische Beispiele aus der Praxis

Die Abhängigkeit von außereuropäischen Technologien birgt konkrete Risiken. Ein Blick auf essentielle Systeme zeigt die Problematik:

Diese Beispiele verdeutlichen: Eine einseitige Abhängigkeit kann im Krisenfall zu Produktions- und Innovationsstopps, Datenverlust oder rechtlichen Konflikten führen. Selbst wenn der Alltag störungsfrei läuft, besteht ein strategisches Risiko, dass man wichtigen Entwicklungen ausgeliefert ist. Die Fähigkeit, im digitalen Raum selbstbestimmt zu handeln, wird daher von 80 % der IT-Entscheider als entscheidend angesehen.

Warum dennoch auf außereuropäische Lösungen gesetzt wird

Trotz der offensichtlichen Risiken entscheiden sich viele Unternehmen immer noch für außereuropäische digitale Lösungen. Dies hat mehrere Gründe:

Resilienz, Wettbewerbsvorteile und Investitionssicherheit

Angesichts der genannten Risiken sollten Unternehmen umdenken. Digitale Souveränität ist kein Selbstzweck, sondern ein strategischer Hebel für langfristigen Erfolg:

Kurz gesagt: Digitale Souveränität erhöht die strategische Handlungsfähigkeit.

Sie schützt vor unkontrollierbaren externen Einflüssen und schafft Freiräume für Innovation „auf eigenen Füßen". In einer Welt, in der technologische Souveränität zum geopolitischen Faktor wird, hat dies auch für einzelne Unternehmen handfeste betriebswirtschaftliche Vorteile.

Es gibt schon Lösungen

Die gute Nachricht lautet: Europäische Alternativen existieren bereits in vielen Bereichen – man muss sie nur kennen und nutzen. Im Folgenden einige Beispiele und Best Practices, die zeigen, dass Souveränität praktisch umsetzbar ist:

So lässt sich digitale Souveränität integrieren

Was können Unternehmensentscheider konkret tun, um digitale Souveränität in ihre Transformationsstrategie einzubetten? Einige Ansatzpunkte:

  • Eigenes Abhängigkeitsprofil analysieren: Erstellen Sie eine Bestandsaufnahme aller kritischen IT-Komponenten und Dienste. Wo liegen potenzielle Single Points of Failure außerhalb Europas? Welche Daten und Prozesse wären im Falle geopolitischer Spannungen gefährdet? Diese Analyse schafft Bewusstsein und Prioritäten.

  • Souveränitätskriterien definieren: Verankern Sie in Ihrer IT- und Datenstrategie klare Vorgaben. Beispiele: Datenresidenz in der EU, Einhaltung von EU-Datenschutzstandards, Interoperabilität und Exportfunktionen (zur Vermeidung von Lock-in) sowie Transparenz über Softwarekomponenten. Diese Kriterien sollten bei jeder zukünftigen Beschaffungsentscheidung geprüft werden – ähnlich wie man heute Nachhaltigkeits- oder Sicherheitskriterien anlegt.

  • Europäische Alternativen evaluieren: Prüfen Sie pro Technologiebereich gezielt europäische Lösungen. Gibt es für Ihren Anwendungsfall einen europäischen Cloud-Anbieter, den Sie testen können? Lässt sich eine Pilotmigration zu einer Open-Source-Software (z.B. Datenbank, Kollaborationsplattform) durchführen? In vielen Fällen sind Alternativen bereits marktreif und wettbewerbsfähig, werden aber im Entscheidungsprozess übersehen. Ein Wechsel muss nicht abrupt erfolgen – häufig können Hybridlösungen Übergänge erleichtern, z.B. parallele Nutzung eines EU-Cloud-Services für neue Projekte, während Altsysteme schrittweise abgelöst werden.

  • Kooperation und Bündelung: Digitale Souveränität ist eine Herausforderung, die viele Akteure teilen. Suchen Sie den Schulterschluss mit anderen: Brancheninitiativen, Forschungsprojekte und Netzwerke (wie GAIA-X Hubs) bieten die Möglichkeit, gemeinsam Anforderungen zu formulieren und gegenüber großen Anbietern aufzutreten. Auch die Politik fördert solche Kooperationen vermehrt. Nutzen Sie Förderprogramme und Plattformen, um Ihre Stimme als Anwender einzubringen – sei es bei der Entwicklung neuer Standards oder bei Testfeldern für souveräne Technologien.

  • Mitarbeiter sensibilisieren und Kompetenzen aufbauen: Technologische Unabhängigkeit beginnt im Kopf. Schulen Sie Ihre Belegschaft in sicheren Datenumgang und machen Sie deutlich, warum z.B. die Nutzung eines europäischen Cloudspeichers oder Messengers nicht nur eine IT-Entscheidung, sondern ein Unternehmenswert ist. Fördern Sie interne IT-Kompetenzen, um weniger externes Know-how einkaufen zu müssen. Das fängt bei Grundlagen (z.B. Datenverschlüsselung, Privacy by Design) an und reicht bis zur aktiven Beteiligung Ihrer Entwickler an Open-Source-Projekten. Eine kulturmäßige Verankerung des Themas sorgt dafür, dass digitale Souveränität bei jeder Entscheidung mitgedacht wird.

Diese Schritte decken sich mit dem Verhalten vieler Unternehmen laut Studien: So setzen bereits 84 % der Unternehmen vertragliche Regeln zu Datenstandorten und Zugriffsrechten ein, 79 % reduzieren proprietäre Technologien und 70 % arbeiten nur mit Cloud-Anbietern, die die DSGVO vollständig erfüllen. Drei von vier Unternehmen würden sich sogar nur noch für Cloud-Provider entscheiden, die Daten ausschließlich in Europa hosten. Diese Zahlen belegen, dass der Wille zur Veränderung da ist – nun kommt es darauf an, ihn konsequent in die Tat umzusetzen.

Fazit

Europäische digitale Souveränität ist kein Zukunftsthema mehr, sondern eine aktuelle strategische Herausforderung.

Unternehmen, die heute die Weichen stellen, um technologische Abhängigkeiten zu reduzieren, werden morgen resilienter, wettbewerbsfähiger und innovativer sein. Die Regierungen und EU-Institutionen schaffen mit Initiativen wie GAIA-X, der NIS-2-Richtlinie und dem Digital Markets Act den Rahmen – doch der eigentliche Wandel muss von den Unternehmen aktiv gestaltet werden.

Die Botschaft lautet: Handeln Sie jetzt. Integrieren Sie digitale Souveränität als Leitprinzip in Ihre digitale Transformation. Beginnen Sie mit kleinen Schritten, aber denken Sie groß: Jedes System, das souverän betrieben wird, jeder Datensatz, der unter europäischer Hoheit bleibt, stärkt Ihr Unternehmen und den Standort Europa.

Am Ende geht es darum, die Hoheit über die eigene digitale Zukunft zu sichern. Das ist nicht nur ein Akt der wirtschaftlichen Vernunft, sondern auch ein Beitrag zur Wahrung europäischer Werte im digitalen Zeitalter. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um digitale Souveränität vom Schlagwort zur gelebten Realität zu machen – zum Nutzen Ihres Unternehmens und Europas insgesamt.